Header Image

Ein fast wertloser Sieg

Wir bleiben dabei, im Aufstiegsrennen. Damit sind die positiven Nachrichten vom vergangenen Tage allerdings schon erschöpft. Denn Halle verteidigt mit seinem höchsten Saisonsieg souverän die Tabellenspitze, Kiel tut was fürs Torverhältnis und Leipzig muss im Endspurt eventuell erneut auf den Metzger verzichten. Einzig ein kleines Dorf südlich der Brausestadt steht nun noch zwischen dem Halleschen FC und dessen Aufstieg in die 3. Liga.

Carsten

Im Halberstädter Friedensstadion hat sich seit unserem letzten Besuch vor zwei Jahren einiges getan. Die alte Tribüne ist Geschichte, die neue steht, und ist aktuell der ganze Stolz des Vereins. Wobei der VfB im Moment eigentlich auf viele Dinge stolz sein dürfte, beispielsweise auf die Nachwuchs-Ergebnisse (die sich laut Stadionheft sehen lassen können) oder die sportliche Entwicklung der ersten Mannschaft, die hinter dem BAK, aber knapp vor Meppen derzeit als bester Neuling dasteht. Weniger stolz ist man vielleicht auf einen ehemaligen Trainer, der mit der Germania „noch so manches vor“ hatte, nun aber dem Ruf aus Magdeburg gefolgt ist, wo man scheinbar unbedingt auf (einen wie) ihn angewiesen ist. Dementsprechend konsterniert gibt sich Werner aus Schwanebeck im Stadionheft: Das sei „das normale Fußballgeschäft“, also „schnelllebig eben und ohne, dass das gesprochene Wort etwas zählt“. Vielleicht wird das ja ein Thema für die nächste Fanecke. Dort widmet man sich im aktuellen Heft dem fünften Artikel des Grundgesetzes, bekundet die Ablehnung von Retortenclubs und zitiert Michel Platini mit den Worten „Fußball ist ein Spiel! Kein Produkt! Ein Sport! Keine Marke! Ein Ereignis! Kein Geschäft“. Weise Worte eines Mannes, der wie kein zweiter für den Kampf gegen den Fußball-Kommerz steht... Was das Ganze mit der Meinungsfreiheit zu tun haben soll, erschließt sich mir zudem nicht so ganz.

Widmen wir uns dem Sportlichen. Im 282. Spiel dieser Regionalliga-Saison hieß es für die Herren Hoffmann, Geißler und Wallner wieder Sitzfleisch anhäufen auf der Bank; sie machten Platz für den wieder einsatzfähigen Sebastian und ein neues System. Statt 4-4-2 setzte Pacult auf ein 4-1-3-2 mit Ernst als Schnittstelle zwischen Abwehr und Offensive sowie Rockenbach auf einer zentralen Position hinter den Spitzen, also so, wie ihn sich viele Fans wünschen. Nach nicht einmal 30 Minuten musste dieses Experiment jedoch schon wieder für beendet erklärt werden, da sich Röttger an der Wade verletzt hatte und sichtbar bedient vom Feld humpelte. Sein Ersatz, Geißler, sortierte sich im zentralen Mittelfeld neben Ernst ein. Ansonsten bescherte die erste Halbzeit kaum neue Erkenntnisse, untermauerte aber bereits bestehende.

Carsten

Zum Beispiel die, dass man Frahn unbedingt halten sollte. Nicht nur, weil er mal wieder Tore zu einem Sieg beisteuerte, sondern vor allem auch aufgrund seiner Einstellung und Körpersprache. Als Borel sich in seiner vielleicht unglücklichsten Situation der Saison den Ball selbst ins Netz legte, war es Frahn, der als Einziger nicht bedröppelt zur Mittellinie schritt, sondern von dort aus Richtung eigenes Tor rannte, sich den Ball schnappte und ihn auf den Anstoßpunkt legte. Bemerkenswert aber auch, dass sich in dieser für Borel sehr unangenehmen Situation niemand bemüßigt fühlte, ihm einen kleinen „Was soll's, weiter geht's“-Klappser mit auf den Weg zu geben.

Kurz vor der Pause, es stand 1:1-Unentschieden, ließ sich der Stadionsprecher zu einer besonders sportlichen Geste hinreißen, als er verkündete, dass auf anderen Plätzen schon Halbzeit war und Halle gegen Pauli mit 4:0 führte. Nichts gegen „Scheiß Red Bull“-Rufe, aber ein wenig Anstand und Respekt seitens Vereinsoffizieller sollte eigentlich selbstverständlich sein, zumal diese Durchsage für die eigene Mannschaft ohne jede Bedeutung war und einzig dazu diente, unsere Truppe zu demütigen. Aber das hatte sie wohl verdient, schließlich hatte Red Bull – wiederholt – dem Schiedsrichter ein ordentliches Sümmchen zugesteckt – so zumindest die weit verbreitete Meinung auf der Tribüne. Umso schöner, dass die Rasenballer die Antwort gleich auf dem Platz gaben und vorm Pausenpfiff noch die erneute Führung erzielten.

In der zweiten Hälfte schien den Halbestädtern ein wenig die Puste auszugehen, so dass RB zu einigen Großchancen kam. Vor allem Kutschke erwies sich als eifriger, durchsetzungsstarker Flitzer, dem leider im Abschluss die Nerven versagten. Stattdessen richtete es Sebastian mit einem Kopfballtor, dem im quasi direkten, clever ausgespielten Gegenzug sogleich der Anschlusstreffer folgte. Der VfB drückte dann noch ein wenig, wirklich gefährlich wurde es für die Bullen aber nicht mehr.

Auf der anschließenden PK äußerte Pacult seine Sicht der Dinge: Speziell in der zweiten Halbzeit hatte er gute Möglichkeiten für einen deutlich höheren Sieg gesehen. Den einen oder anderen anwesenden „VIP“ entlockte dies ein lautes Lachen und/oder den Kommentar „Der muss wohl ein anderes Spiel gesehen haben“. Muss Germania-Interimscoach Enrico Gerlach dann wohl auch, denn der bestätigte im Wesentlichen diese Äußerungen. Pacult ließ diese Auswürfe erfreulicherweise unkommentiert. Mit Blick auf die Debatten nach dem Pauli-Spiel vielleicht keine so schlechte Idee.

Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass man nicht aus Leipzig kommen und auf der Gehaltsliste eines Getränkekonzerns stehen muss, um – ob es so ist, lassen wir mal dahingestellt – anmaßend gegenüber anderen Vereinen aufzutreten. Manch ein Bewohner einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt hat das auch drauf, vielleicht insbesondere dann, wenn der eigene Verein in der Tabelle vor dem großen Rivalen aus der Landeshauptstadt steht und diese Konstellation zu geistigen Vernebelungsattacken führt.

Abschließend sei Holm Pinder vom ZFC an seine Aussage, er würde in Leipzig gerne höherklassigen Fußball sehen, erinnert. Aber zu verlangen, er solle seine Mannschaft mit 120 Prozent Einsatz in die Partie gegen Halle schicken, wäre ja anmaßend – das wird er ganz sicher von ganz allein machen. Trotz anschließendem Pokalfinale.

Statistik zum Spiel:
VfB Germania Halberstadt: Kischel - Handke, Kopp, Saalbach, Schubert (73. Moerck) - Georgi (85. Podrygala), Kragl, Krüger (69. Wijks), Scheidler - Beck, Eggert
RB Leipzig: Borel - Müller, Sebastian, Franke, Wisio - Röttger (28. Geißler), Ernst, Heidinger (70. Wallner) - Rockenbach (89. Hoheneder) - Kutschke, Frahn
Tore: 0:1 Frahn (20.) FE, 1:1 Scheidler (24.), 1:2 Frahn (45.), 1:3 Sebastian (82.), 2:3 Georgi (83.)
Gelbe Karten: Handke, Kischel / Müller (10), Geißler (2), Kutschke (7)
Zuschauer: 864 (ca. 300 Leipziger)

Loch

Video: Bericht bei Sport im Osten
Bilder: Bei RB-Fans.de (von Carsten)
Bilder: Bei Sporting Pictures Leipzig
Audio: Das ganze Spiel im Fanradio

Du warst im Stadion und hast alles genau gesehen? Bewerte die Spieler im Notenthread