Topspielschwäche – RB Leipzig vergibt ersten Matchball kläglich
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Vor dem Spiel ist vor dem Spiel
Vor dem Spiel ist vor dem Spiel. Besser hätte es das Drehbuch zum 32. Bundesligaspieltag nicht schreiben können. Mit dem Titel: „Kampf um die Königsklasse“ standen gleich zwei Duelle an, in denen sich vier direkte Konkurrenten duellierten. Am Ende der Saison schauen zwei dieser vier Teams in die Röhre, können sich aber wohl mit Sicherheit über einen Europa-League-Platz mehr oder weniger freuen, falls die Champions-League-Qualifikation nicht gelingen sollte.
TSG Hoffenheim gegen VfB Stuttgart lautete das erste Duell am Nachmittag, ehe unsere Rasenballer in Leverkusen antraten. Beide Konkurrenten hatten jeweils fünf Punkte Rückstand. Verlieren verboten lautete die Devise für alle vier Teams, wobei ein Remis im ersten Duell unseren Rasenballern in die Karten gespielt hätte. Dann wären beide Verfolger nur um einen Punkt herangerückt, falls das Team von Ole Werner bei der Werkself den Kürzeren gezogen hätte. Nachfolgend hätte man dann immer noch vor heimischem Publikum gegen St. Pauli im nächsten Spiel mit einem Sieg die Königsklasse eintüten können.
Aber diese Gedanken wollte man noch nicht aufkommen lassen und sich weiterhin voll und ganz nur auf das direkte Duell gegen Leverkusen konzentrieren. In den letzten Partien konnten erfreulicherweise die verletzungsbedingten Ausfälle von Leistungsträgern gut kompensiert werden, und diese Partien wurden sogar gewonnen. Nach und nach scheinen Castello Lukeba und David Raum wieder zurückzukehren, ebenso der genesene Nicolas Seiwald. Ole Werner hatte zumindest die Möglichkeit, die Letztgenannten wieder einzusetzen, stand aber vor der Qual der Wahl und ebenso vor der schwierigen Herausforderung, abzuwägen, ob die derzeitige Verfassung und Form der eigentlichen Leistungsträger schon ausreichend sind, um gegen Leverkusen das frühere Leistungslimit abrufen zu können.

2.100 mitgereiste Auswärtsfans noch vor dem Spiel hoffnungsvoll.
Zumindest Leverkusen war zum Siegen verdammt. Die Werkself musste alle drei restlichen Saisonspiele gewinnen und dabei hoffen, dass Stuttgart oder Hoffenheim nicht dreimal siegen. Dabei kommt es ebenso noch zum Schlüsselduell: Stuttgart gegen Leverkusen, während unsere Rasenballer daheim gegen St. Pauli spielen. Es ging also für Leverkusen um alles, und nur ein Sieg konnte Bayer noch weiter in der Spur halten, von der Königsklasse zu träumen, während Hoffenheim mit Bremen und Gladbach vermeintlich leichtere Gegner vor der Brust hat. Ole Werner und sein Team mussten sich also auf einiges gefasst machen und sich dabei auf ein spielstarkes und einsatzfreudiges Team einstellen, das den letzten Strohhalm nutzen wollte, um die Saison doch noch retten zu können. Mit einem Remis oder gar Sieg unserer Leipziger wäre Ole Werners Team enteilt und für die Leverkusener uneinholbar gewesen, und gleichzeitig auch für einen der Verfolger Stuttgart oder Hoffenheim.
Dreisatz des Spiels
Ein Satz mit X, das war wohl nix. Von der ersten Minute an hatte man der Werkself angemerkt, dass sie um ihre Existenz spielt. Einerseits offenbarten die Leverkusener Spieler von Beginn an einen größeren Willen auf dem Platz, andererseits war man aber auch spielerisch klar das bessere Team. Das Team von Ole Werner hatte nach 35 Spielminuten nur 27 % Ballbesitz und ließ bis dahin schon fünf gegnerische Großchancen zu. Auch im gesamten Spiel blieb man löchrig wie ein Schweizer Käse und musste im nächsten Topspiel die Erkenntnis gewinnen, dass es qualitativ gegen einen guten Gegner einfach nicht reicht.
Zum Matchwinner avancierte dabei Ex-RBLer Patrik Schick, der mit einem Dreierpack den qualitativen Unterschied zu Rômulo aufzeigte und auch am vierten Tor beteiligt war. Zwei der Gegentreffer fielen dabei kurios und fragwürdig, sollten aber nicht über das schwache Leipziger Spiel hinwegtäuschen. Am Ende wurde der erste Matchball in Sachen Champions-League-Qualifikation kläglich vergeben, sodass nun der Druck vor heimischem Publikum auferlegt ist, gegen eine abstiegsbedrohte Mannschaft, die ebenso um ihre Existenz spielt, gewinnen zu müssen.

In negativer Hinsicht – Saisonhöchstwert für RB von 5,42 xGA = erwartbare Gegentreffer.
Am Ende des Tages war das Spiel in Leverkusen auch nur „eine Niederlage“ nach den vielen siegreichen Spielen zuletzt. Verlieren gehört im weiteren Lernprozess dazu, auch wenn es nach diesem Match schwerfällt. Optimismus versus Pessimismus liegen dabei aktuell sehr nah beieinander in Anbetracht der guten Ausgangslage für unsere Rasenballer, weil sich Stuttgart und Hoffenheim im Verfolgerduell mit einem Remis trennten. Da auch noch am kommenden Spieltag Leverkusen gegen Stuttgart spielt und wir uns damit anfreunden sollten, doch noch kein Topteam zu sein (Schuster, bleib bei deinen Leisten), wäre Demut vorerst angesagt. Wenn der nächste Matchball daheim gegen St. Pauli gelingen sollte, sollte dementsprechend auch die Freude groß genug sein, wieder in der Königsklasse dabei sein zu dürfen, und nicht nur daran zu denken, dass wir dort ohnehin keine Chance haben werden. Seien wir dankbar für das bisher Erreichte – und das ist immer noch Tabellenplatz 3 mit vier Punkten Vorsprung vor den Verfolgern.
Aufgefallen
1) Topspielschwäche
Der letzte Sieg gegen ein Top-6-Team war am 19.10.2024. Damals siegten unsere Rasenballer 2:0 in Mainz. Wir schreiben aktuell Mai 2026, sodass die Schlussfolgerung nahe liegt, gegen stärkere Teams insgesamt qualitativ nicht mithalten zu können. Diese Erkenntnis wurde nicht zuletzt in der vergangenen Champions-League-Teilnahme sichtbar, sondern auch schon in der letzten Bundesligasaison, deren Trend sich in dieser Saison fortsetzt. Vor allem auswärts reichte es nur zu einem Remis (in Dortmund), und man verlor dabei viermal auf fremdem Platz gegen direkte Konkurrenten. Dabei muss es nicht immer am Trainer liegen, sondern einfach an der Qualität der Spieler, die spätestens in Topspielen ihre Grenzen aufgezeigt bekommen.
Natürlich ist nicht alles gleich schlecht im Leipziger Spiel, aber wenn man in der Königsklasse mithalten will, müsste eine Weiterentwicklung erfolgen oder wiederum ein qualitativer Umbruch vonnöten sein. Eigentlich wäre die Europa-League-Teilnahme für unser Team wohl eher das Passende. Die Erfolgschancen wären größer und für die Entwicklung der Spieler angemessener. Jedoch sind die Einnahmen in der Champions League unabdingbar, und Spieler in der Königsklasse generell lukrativer. Ein Zwiespalt, mit dem viele RB-Fans aktuell noch zu kämpfen haben. Die Einordnung des Teams in Bezug auf die Ansprüche beinhaltet noch viele Fragezeichen.

Schlusslicht in der Top-6 Tabelle.
2) 5,42 xGA, Saisonhöchstwert für RB Leipzig
Nicht einmal Bayern München hatte sich eine solche Fülle an Großchancen gegen uns erspielt. Am Ende des Spiels waren es ganze 11 Großchancen für die Werkself. Teams wie PSG, Bayern oder andere Größen des europäischen Fußballs hätten hier in der Königsklasse mit mehr Effizienz und Qualität vor dem Leipziger Tor ein Desaster für uns bedeuten können. In der Summe gab es fast 6 zu erwartende Gegentreffer gegen einen Mitkonkurrenten – so etwas hat es lange nicht mehr gegeben. In keiner Weise hatte RB Leipzig gegen Leverkusen Zugriff im Spiel. Ein kollektives Pressing in Sachen Balleroberung war nicht zu erkennen. Nur 110,83 gelaufene Kilometer (Saisontiefstwert) lassen viele Fragezeichen zurück, während die Bayern mal wieder 10 Kilometer mehr liefen bei 75 % Ballbesitz. Mit mehr Laufarbeit hätte man defensiv die Räume schließen, gegnerische Spieler doppeln und in Ballnähe stören können. Andererseits hätte man im eigenen Ballbesitz mehr Anspielstationen schaffen, variabler spielen und mehr Druck erzeugen können.
Darüber hinaus waren an diesem Spieltag das mannschaftliche Stellungsspiel und in bestimmten Momenten die Ballverluste haarsträubend. Leverkusen bekam so in Halbzeit zwei die Gelegenheit, trotz Unterzahl im gegnerischen Drittel stets torgefährlich zu kontern. Unsere Mittelfeld- und Abwehrspieler sahen dabei nur ball- sowie raumorientiert zu, ließen ihre Gegenspieler frei auf- und abspielen sowie zum Torabschluss kommen. Das erinnerte schnell an längst vergangene Tage, die so in den letzten Wochen und Monaten nicht mehr aufgetreten waren. Es taten sich Wunden wieder auf, von denen man dachte, sie seien geschlossen.
3) Defensive Anfälligkeit bleibt weiterhin die Achillesferse im RB-Spiel
Während Ole Werner das Leipziger Team in fast allen Bereichen zur vergangenen Saison verbessern und stabilisieren konnte und sich die Mannschaft den bisherigen Punkteerfolg zusehends erarbeitet hat, blieb die defensive Anfälligkeit ähnlich wie zur Vorsaison bestehen. Mit durchschnittlich 12,3 gegnerischen Torschüssen spielt man immer noch die zweitschlechteste Saison in der zehnjährigen Bundesligageschichte. Selbst unter Jesse Marsch ließ man weniger gegnerische Torschüsse zu (11,9 pro Spiel).
Auch der zuvor erwähnte xGA-Wert ist mit aktuell durchschnittlich 1,56 der zweitschlechteste und übertrifft noch die Zeit des wilden Jesse-Marsch-Fußballstils. Zwar verbesserte man sich zur desolaten Vorsaison (1,89), jedoch ist genau dieser Faktor mit aufgerundet fast 2 zu erwartenden Gegentreffern keines Spitzenteams würdig. Sowohl Marco Rose als auch Ole Werner ist es bisher nicht gelungen, das Team defensiv zu stabilisieren, sodass die Frage im Raum steht, ob die Spielerqualität noch ausreichend ist oder weiterhin taktische Defizite bestehen. Einst waren es Ibrahima Konaté, Joško Gvardiol, Dayot Upamecano, Nordi Mukiele oder ein Konrad Laimer, die neben Willi Orbán in der Abwehr überzeugten. Aber auch im defensiven Mittelfeld gibt es Fragezeichen, ob so das Königsklassenniveau erreicht werden kann.

Auch der eingewechselte Castello Lukeba konnte die RB-Defensive nicht stabilisieren.
4) Optimismus versus Pessimismus unter den RB-Fans
Oder auch Team #GlasHalbvoll versus Team #GlasHalbleer. Vor allem auf den Social-Media-Kanälen und in den Medien wird dem Leipziger Team und Ole Werner das Können abgesprochen. Dabei verschwimmen schnell eigene Ansprüche, Selbstüberschätzung und Wunschdenken mit der Realität, dass eine schwierige Umbruchsaison bevorstand und kaum jemand dem Team den aktuellen Tabellenplatz 3 zugetraut hatte. Man muss auch verlieren können, und an diesem Abend muss man neidlos anerkennen, dass Leverkusen einfach das bessere Team war und unser Team keine Mittel fand, etwas dagegen zu tun. Es war die erste Niederlage nach fünf aufeinanderfolgenden Siegen, was bis dato nur der FC Bayern vorweisen konnte. Schön wäre es, wenn man natürlich aus so einem Auftritt lernen würde. Aber er gehört einfach dazu.
Nicht nur bei uns wird eine Totengräberstimmung erzeugt, sondern auch bei anderen Vereinen. Borussia Dortmund verlor zuvor zwei Partien und spielte schon seit Längerem schlechten Fußball, sodass die Stimmen der eigenen Fans immer negativer und lauter wurden. Trotzdem liegt man auf Platz zwei. In Leverkusen brannte bis zuletzt der Baum, und ein Abgesang auf Trainer Hjulmand war bereits zu hören. Der VfB Stuttgart holte nur einen Sieg aus den letzten fünf Spielen bei zwei Remis und zwei Niederlagen. Die Bayern kassierten gegen Mainz drei Gegentreffer, gegen Heidenheim ebenfalls und gegen Paris sogar fünf. In Frankfurt bei der Eintracht ist schon längst Weltuntergang. Und was passiert bei uns? Hier wird gleich nach einer Niederlage Ole Werner infrage gestellt, wie auch zuvor schon in der Presse und in den sozialen Medien. Dabei befindet sich unser Team auch nach dem 33. Spieltag auf Tabellenplatz 3 in der Bundesliga, und vielen täte es gut, nicht nur bei einem Misserfolg den Mund aufzumachen, sondern auch bei Erfolgen allen Beteiligten beizustehen und im besten Fall im Stadion das Team zu unterstützen. Wir alle sollten dankbar sein, dass wir ein Teil von allem sein dürfen, und nicht nur das Negative sehen.
5) Mehr Auswärtsfans
Und da fangen wir auch gleich bei den „kleinen“ Dingen an, die doch einen großen Einfluss haben können und eine Erwähnung wert sind. So hat sich die Zahl unserer Auswärtsfahrer im Vergleich zu den Vorjahren erhöht – aktuell um ca. 18 % von zuvor durchschnittlich 1.450 auf momentan 1.720 pro Spiel. Hier wurden die offiziellen Vereinszahlen berücksichtigt, aber auch andere Quellen liegen nur leicht darunter. Dabei ist vor allem anzumerken, dass unser Team gleich drei späte Freitagabendspiele in der Fremde absolvierte und ebenso drei Sonntagsspiele, zwei davon um 19:30 Uhr.
Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass Fans einen Montag Urlaub nehmen, um das Team unterstützen zu können, oder erst um 04:30 Uhr am Folgetag zurück sind und das ganze Wochenende dem Fußball geopfert haben. Erfreulicherweise konnte das Team bis dato mit einer besseren Auswärtsbilanz den eigenen Fans etwas zurückgeben. Insgesamt gilt große Anerkennung und Hochachtung unseren Auswärtsfahrern, die viel Geld, Aufwand und Zeit investieren. Wenn man bedenkt, dass das Spiel im Berliner Olympiastadion gegen die Hertha weggefallen ist (und womöglich zukünftig auch Wolfsburg verloren gehen kann), ist dies aller Ehren wert.

Durschnittlich 1.700 Auswärtsfahrer unterstützten unser RB-Team in der Fremde.
Fazit und Ausblick
Es war ein gebrauchter Tag, an dem unserem Team nichts oder kaum etwas gelang. Es bleibt zu hoffen, dass die Niederlage nur ein Ausrutscher war, der aber auch klar qualitative und spielerische Defizite gegen ein stärkeres Team aufzeigte. Man spielt nur so gut, wie es der Gegner zulässt. Und an diesem Spielabend hatte Leverkusen einfach die richtigen Mittel gefunden – unser Team hingegen nicht. Jetzt heißt es aber, nach vorn zu schauen. Dieses Spiel kann man in der Saisonanalyse heranziehen und Lehren daraus ziehen. Der Fokus sollte jetzt nur noch auf das letzte Heimspiel gelegt werden.
Mit der Niederlage gegen die Werkself wird die Spannung hochgehalten. Somit ist das Spiel gegen St. Pauli wie ein Finale zu bewerten, in dem es um alles geht. Das Drehbuch wollte es so, dass sich unsere Fans mit einem Fanmarsch auf das letzte Heimspiel einschwören und hoffentlich die Stimmung auch ins Stadion tragen. Das finale Match um den Einzug in die Königsklasse ist nahezu ausverkauft. Trotzdem hat das Spiel eine besondere Brisanz, weil es auch für St. Pauli um den Klassenerhalt geht. Mit einem Heimsieg könnten unsere Rasenballer alle versöhnen, die Champions-League-Qualifikation perfekt machen, mindestens Platz 3 sichern und gemeinsam mit den Fans im Stadion feiern. RB-Fußballherz, was willst du mehr! Die Daumen sind gedrückt – auf dass das Fußballmärchen wahr wird.
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