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Man hat allen angemerkt, dass ihnen die Düse ging

Man hat allen angemerkt, dass ihnen die Düse ging

Nach dem unerwarteten Nervenflattern in Leverkusen hatten die Leipziger am Samstag die Hosen immer noch so voll, dass das Projekt "Königsklasse" gegen den Hamburger Rotlicht-Klub fast auch in die Hose ging. Trotz klappernder Knochen, die man in den ersten 45 Minuten bis zum Cospudener See hörte, standardisierte man sich dann dennoch mit viel Dusel ins Champions League-Glück. Ende gut, alles gut und hoch die Tassen.
Willi Orbán
Spieler im Fokus

Willi Orbán

#4
Statistiken der Bundesliga Saison
33 Spiele
2.950' Minuten
2 Tore
0 Vorlagen

Vor dem Spiel ist vor dem Spiel

Nach der Abreibe in Leverkusen folgte gegen St. Pauli der zweite Matchball von dreien. Trotz eines komfortablen Vier-Punkte-Polsters und möglicher Schützenhilfe der Konkurrenz war die Erwartungshaltung im Leipziger Stadion klar: Gegen den Tabellensiebzehnten zählte nur ein Sieg.

Um den erhofften Sieg und damit die Champions League-Rückkehr abzurunden, trommelte RB-Legende und aktueller Leiter des vereinseigenen Career Centers Dominik Kaiser die Helden von damals zusammen, mit denen er vor zehn Jahren den historischen Aufstieg in die Bundesliga gefeiert hatte.

Inwiefern das Feiern aber überhaupt gelingen könnte, war untrennbar mit der emotionalen Verfassung der Stadt verbunden. Alle Leipziger, ob Multimillionär oder Malocher, mussten trotz sportlicher Erfolge erst einmal einen Weg finden, die grausamen Ereignisse der Amokfahrt vom Wochenanfang zu verarbeiten.


Mit mehr Stammkräften, den letzten Kraftakt stemmen.


Dreisatz des Spiels

Ein aktuelles Interview mit Assan Ouédraogo verdeutlichte erneut, dass das drohende Verpassen der Königsklasse wie ein Damoklesschwert über dem gesamten Verein schwebte. Auch Raum und Orbán stießen nach dem Spiel ins gleich Horn. Inwieweit dieser Druck die Beine in Leverkusen und während der ersten Hälfte gegen St. Pauli lähmte, bleibt Spekulation – doch die Hemmungen waren unübersehbar. Dass die Mannschaft eigentlich schöneren Fußball spielen kann, hatte sie bis zum Leverkusen-Spiel bewiesen. Selbst bei der einzigen Niederlage gegen Stuttgart während der vorangegangenen Siegesserie agierte das Team deutlich souveräner als in der ersten Halbzeit gegen den vorm Abstieg stehenden Kiezklub aus Hamburg.

Aus der Verunsicherung wurde dann Slapstick. Haarsträubende Fehlpässe ohne Not luden die Hamburger förmlich zum Kontern ein, während das Stellungsspiel und die Zweikampfführung völlig den Dienst quittierten. Dass St. Pauli zur Pause nicht führte, war ihrer bekannten Unfähigkeit im Abschluss bzw. bei Kontern geschuldet. Leipzig rettete sich stattdessen mit einer schmeichelhaften Führung in die Kabine, markiert durch Xaver Schlager kurz vor Schluss der ersten Dreiviertelstunde. Es war ein besonderes Tor für ihn, da er sich an diesem Tag zusammen mit Nedeljković wohl für immer vom Leipziger Publikum verabschiedete.

In der zweiten Halbzeit schlug Leipzig früh erneut nach einem Standard zu. Nachdem bereits Schlager nach einer Ecke getroffen hatte, war es nun Orbán, der eine punktgenaue Hereingabe von Raum unhaltbar zum 2:0 einköpfte. Zuvor war Ouédraogo zum bereits 21. Mal in dieser Saison am Aluminium verzweifelt. Der Abpraller wurde aber zur entscheidenden Ecke abgefälscht. Trotz einer dann folgenden starken Phase versäumte es RB danach jedoch, den Sack endgültig zuzumachen. Das Spiel plätscherte dahin, und durch diese Selbstanästhesie hätte sich Leipzig fast noch um den Lohn gebracht. Dass am Ende nach 94 Minuten ein erleichterndes 2:1 über die Zeit gerettet wurde, war erneut der Hamburger Abschlussschwäche zu verdanken.


Mens Of The Match


Aufgefallen

1) Rotation

Die verletzungsbedingte Rotation zum Saisonende erwies sich als zweischneidiges Schwert. Zweimal ging der Plan auf, zweimal – gegen Leverkusen und St. Pauli – wirkte er eher kontraproduktiv. Wenn in der nächsten Saison der Tanz auf drei Hochzeiten beginnt, muss die Kadertiefe konstanter funktionieren. Spiele wie gegen St. Pauli werden sich mit einer solch wechselhaften Leistung kaum dauerhaft gewinnen lassen. Dank der frühen Qualifikation hat die sportliche Leitung nun jedoch die nötige Planungssicherheit, um den Kader gezielt für die Dreifachbelastung zu rüsten.


2) WM im Kopf

Dem einen oder anderen Akteur konnte man fast unterstellen, Kopf und Beine bereits für höhere Weihen zu schonen. Doch für die Motivationsrede gegen Freiburg hat Trainer Ole Werner ein klares Ziel. Wie er auf der Pressekonferenz betonte, soll nicht nur die Königsklasse gefeiert, sondern in seiner Debütsaison auch der vereinsinterne Bundesliga-Punkterekord geknackt werden. Erst wenn dieser Meilenstein erreicht ist, dürfen die Spieler dem WM-Fieber verfallen – hoffentlich mit dem nötigen Glück, um verletzungsfrei durch das Turnier zu kommen.


In der Kabine gab es bereits königlichen Vibes.


3) Die eigene Qualifikation

Die diesjährige Qualifikation zur Champions League unterscheidet sich grundlegend von denen der Vorjahre. Sie ist am ehesten mit der Premierensaison 2016/17 vergleichbar. Auch wenn in Medien und Podcasts oft zu hören war, dass alles andere als die Königsklasse angesichts der Sommer-Investitionen eine Blamage sei, lohnt ein genauerer Blick auf die Transfers. Mit Brajan Gruda gab es nur einen echten Statement-Zugang und dessen Leihe war primär der schweren Verletzung von Assan Ouédraogo geschuldet.

Ansonsten investierte Leipzig zwar Summen zwischen 20 und 25 Millionen Euro pro Spieler, verpflichtete dabei jedoch fast ausschließlich Talente, deren sofortiger Impact eine große Unbekannte blieb. Das war ein riskantes Wagnis. Ein Kader voller Fragezeichen, zudem geführt von einem Trainerteam und einer sportlichen Leitung, die auf diesem Niveau fast ausnahmslos als Neulinge starteten.

Kaum einer der Protagonisten konnte zuvor eine direkte Champions-League-Qualifikation vorweisen. Dass das Ziel dennoch erreicht wurde, liegt auch an der Wiederauferstehung vermeintlich ausgemusterter Spieler wie Seiwald, Baumgartner und Schlager, die zuvor oft nur Nebenrollen spielten oder durch Verletzungen ausgebremst wurden. Alle drei erfuhren unter Ole Werner eine enorme Leistungssteigerung und entwickelten sich zu tragenden Säulen des Erfolgs.

Deshalb darf sich am Ende dieser Saison fast jeder Spieler, das Trainerteam um Ole Werner und Sportdirektor Marcel Schäfer zu Recht auf die Schulter klopfen. Sie haben ihre erste eigene Qualifikation eingetütet und bewiesen, dass sie nicht bloß in einem "gemachten Nest" mitgeschwommen sind, sondern diesen Erfolg gegen alle Widerstände selbst erarbeitet haben.


Eine spannende Sommerpause dürfte bevorstehen.


4) Gruda und der Diamant

Neben dem Leih-Abgänger Nedeljković und Xaver Schlager, der nach Vertragsende sein Glück andernorts suchen wird, sollte eigentlich auch Winter-Leihe Brajan Gruda offiziell verabschiedet werden. Doch die Verabschiedung wurde kurzfristig abgeblasen. Laut Medienberichten und Buschfunk deutet dies auf eine Fortsetzung der Zusammenarbeit hin – womöglich bahnt sich hier eine längere Erfolgsgeschichte an. Mit der Verpflichtung seines Kumpels Rocco Reitz hat Leipzig bereits ein gewichtiges Argument für einen Verbleib des Ex-Mainzers geliefert. Ob die kolportierte Ablöse von 30 Millionen Euro zu hoch gegriffen ist, hängt primär von der langfristigen Planung ab. Ähnlich investierte RB einst in David Raum, der seine Ablöse durch Beständigkeit rechtfertigte und dem Verein im Sommer entweder durch eine Verlängerung oder eine lukrative Ausstiegsklausel einen Mehrwert bietet. Es ist gut vorstellbar, dass Sportdirektor Marcel Schäfer bei Gruda einen ähnlichen Plan verfolgt. 

Fest eingeplant für die kommende Spielzeit ist zudem weiterhin Yan Diomande, der nach einer herausragenden Spielzeit völlig zurecht zum Leipziger "Spieler der Saison" gekürt werden könnte. Die sportliche Leitung arbeitet bereits mit Hochdruck daran, ihn über einen angepassten und verbesserten Vertrag langfristig an den Verein zu binden, damit er auch in der nächsten Saison die Außenbahnen im Bullenstall mit seiner Dynamik beackern kann. Dass die Qualifikation für die Champions League nun vorzeitig in trockenen Tüchern ist, erweist sich dabei als entscheidender Trumpf. Die nun feststehende Teilnahme an der Königsklasse verleiht den Verhandlungen mit seinem Berater eine ganz andere Dynamik und macht das Ziel, diesen Schlüsselspieler zu halten, deutlich realistischer.


Der Sieg war etwas rumplig.



5) Leipzig steht zusammen

Am Montag die schlimme Amokfahrt in der Leipziger Innenstadt bei der sich kurz nach der Tat die Hilfe vieler Menschen im Umfeld zeigte. In den folgenden Tagen war die Anteilnahme in der Stadt sehr groß und es zeigte sich genau das, was mit einem Banner vor dem Fanblock stand: "Leipzig steht zusammen - in jeder noch so dunklen Stunde!" 

Zentrale Botschaft vor Sektor B mit Aufstiegshelden vor dem Fanblock


Zusammen mit der Schweigeminute, Trauerflor der Mannschaft und lediglich einer schwarz-weißen Fahne mit Stadtwappen im Fanblock eine sehr wichtige und bewegende Botschaft. Zuvor wurde auch der Fanmarsch abgesagt. Danke dafür!


6) Aufstiegshelden nach 10 Jahren zurück im Stadion

Schöne Bilder gab es zur Erwärmung des Teams am Rand des Spielfelds. Schön auch, wie Oliver Mintzlaff die zweifellos außergewöhnliche Bedeutung von Ralf Rangnick für die Entwicklung von RB Leipzig hervorhob. Das Verhältnis von Rangnick und Mintzlaff galt nach der Trennung als stark belastet, das scheint jetzt nicht mehr so zu sein. Ralf Rangnick zeigte sich dann noch in RBL-Fankutte, nicht das erste mal. Neben Spielern wie Marcel Halstenberg, Fabio Coltorti, Dominik Kaiser, Nils Quaschner, Atinc Nukan, Massimo Bruno oder Georg Teigl waren auch Betreuer und auch der frühere Co-Trainer Achim Beierlorzer dabei. Da merkt man, dass diese sportlich starke Mannschaft eben auch menschlich sehr gut zusammengepasst hat. Danke nochmal für die damaligen Leistungen und auch, dass ihr gestern nochmal in Leipzig gewesen seid!

Danke!


Fazit und Ausblick

Das endgültige Fazit liegt nun auf den Schreibtischen der Verantwortlichen, und trotz der geglückten Qualifikation liefert die Datenlage genügend Gründe, das Erreichte nicht in blindem Enthusiasmus zu überhöhen. Zu oft offenbarte die Mannschaft eine riskante, extrem hochstehende Defensive, die in ihrer Anfälligkeit das Fan-Herz strapazierte. Hinzu kam ein über weite Strecken der Saison eher zahmes Pressing, das den Gegnern zu viel Raum ließ. Besonders besorgniserregend liest sich die Statistik zur Konterverwertung: Dass Leipzig ausgerechnet in seiner einstigen Paradedisziplin den schlechtesten Wert seit dem Bundesliga-Aufstieg erzielt hat, muss als deutliches Warnsignal verstanden werden.

Auch die individuelle Personalplanung wirft Fragen auf, die eine tiefere Analyse erfordern. Die überschaubare Torausbeute des Sturm-Duos gibt ebenso zu denken wie die Personalien Maksimović und Bakayoko. Dass gerade Bakayoko als eigentlicher Top-Transfer so gut wie keine Rolle spielte, ist eine Leerstelle in der Saisonbilanz, die aufgearbeitet werden muss.

Doch wo viel Schatten ist, fällt auch Licht auf die spielerische Entwicklung. Dass sich das Team immer häufiger und sicherer Torchancen direkt am gegnerischen Strafraum erarbeitet, ist ein Mutmacher für die kommende Spielzeit. Es zeigt, dass man mittlerweile Mittel gefunden hat, um tiefstehende Abwehrbollwerke spielerisch zu knacken – eine Qualität, die sich eindrucksvoll in den bisher 20 Saisonsiegen widerspiegelt. Dieser Wert ist historisch: Erst zum dritten Mal in zehn Jahren Oberhaus ist den Rasenballern eine solche Marke gelungen. Das beweist, dass man den „Rest der Liga“ im Griff hat, auch wenn die Bilanz gegen die Top-6 noch deutlich ausbaufähig bleibt.

Damit rückt das letzte Saisonziel in den Fokus: Ein Sieg im Breisgau gegen Freiburg. Damit würden nicht nur interne Vereinsrekorde fallen, sondern einer guten aber auch wechselhaften Saison ein wahrhaft süßes Finish verliehen werden.


Die PK nach dem Spiel.


KickerWhoscoredSofacoreRBLBundesligaFotMobunderstatfbref

 

Spiel
RB Leipzig vs. FC St. Pauli
Ergebnis
2:1 (1:0)
Aufstellung RB Leipzig
Vandevoordt - Baku (90.+1 Henrichs), Orbán, Lukeba, Raum (C, 69. Finkgräfe) - Ouédraogo (69. Seiwald), Schlager, Baumgartner - Gruda (79. Nusa), Rômulo, Diomande
Ersatzbank RB Leipzig
Gulácsi – Klostermann, Bitshiabu, Bakayoko, Harder
Aufstellung FC St. Pauli
Vasilj - Pyrka, Ando, Smith (89. Rasmussen), Ritzka (64. Wahl), Oppie (64. Stevens) - Metcalfe (89. Sinani), Irvine (C), Fujita - Hountondji (72. Ceesay), Kaars
Ersatzbank FC St. Pauli
Voll – Hara
Aufstellungsgrafik
Aufstellung
Torschützen
1:0 Schlager (45.), 2:0 Orbán (55.), 2:1 Ceesay (87.)
Torschüsse
13 / 8
Schüsse aufs Tor
5 / 3
Expected Goals (xG)
2,33 / 0,95
Ballbesitz
70% / 30%
Passquote
88% / 71%
Zweikampfquote
48% / 52%
Laufstrecke (km)
115,34 / 118,92
Ecken
3 / 5
Fouls
5 / 9
Abseits
2 / 0
Gelbe Karten
Baumgartner, Lukeba / –
Schiedsrichter
Benjamin Brand (Unterspiesheim)
Spielort
Red Bull Arena Leipzig
Zuschauer
47.800