Header Image
Aus dem Fohlen wird ein Bulle – Rocco Reitz folgt auf Xaver Schlager

Aus dem Fohlen wird ein Bulle – Rocco Reitz folgt auf Xaver Schlager

Bereits im März tüteten die Verantwortlichen mit Rocco Reitz den ersten Sommertransfer ein und schlossen damit frühzeitig die Lücke, die der Abgang von Xaver Schlager hinterlässt. Inklusive realistischer Boni kostet der zentrale Mittelfeldspieler, der einen Vertrag bis 2031 unterschrieben hat, die Rasenballsportler rund 20 Millionen Euro.
Rocco Reitz
Spieler im Fokus

Rocco Reitz

#20
Statistiken der Bundesliga Saison

Im Fohlenstall geboren, in Belgien geschliffen

Für die Fans der Gladbacher war der Abgang von Rocco Reitz verständlicherweise ein echter Schlag in die Magengrube. Der gebürtige Duisburger war nicht nur sein Leben lang Mitglied des Vereins, sondern verbrachte auch insgesamt 17 Jahre bei der Borussia. In dieser Zeit durchlief er sämtliche Jugendmannschaften der Fohlen, ehe er im Oktober 2020 im Alter von 18 Jahren unter dem Ex-RB- und zukünftigen Bournemouth-Trainer Marco Rose sein Profidebüt feierte.

Nach diesem Debüt gelang es dem geborenen Duisburger zunächst aber nicht, sich bei den Gladbachern durchzusetzen, was auch an einer langwierigen Verletzung lag, die ihn bremste, wodurch er im Sommer 2021 leihweise für eine Saison nach Belgien zu St. Truiden ging. In der belgischen Pro League konnte Reitz dann seine ersten wirklichen Schritte als Profi gehen und vor allem als Einwechselspieler Einsätze sammeln.

Nach der Saison ging es für Reitz zurück nach Gladbach, wo er sich in der Hinrunde erneut nicht in der Bundesliga etablieren konnte, weshalb das Gladbacher Eigengewächs im Januar 2023 erneut zurück nach Belgien zu St. Truiden wechselte. Und dieser Schritt war für Reitz bisher der entscheidende in seiner Karriere, denn in diesem halben Jahr gelang es ihm, sich als Stammspieler in der Pro League zu etablieren und im Anschluss auch den Durchbruch in der Bundesliga bei seinem Jugendklub zu schaffen. Denn unter Bernd Hollersbach (damals Trainer bei St. Truiden) schaffte es Reitz, den Schalter umzulegen und sowohl mental als auch physisch im Profifußball anzukommen.



In der Saison 23/24 spielte er dann 34 Bundesligaspiele für die Gladbacher, erzielte 6 Tore und 3 Vorlagen und wurde gemeinsam mit Brajan Gruda als Sparringsspieler für den Vorbereitungskader der deutschen Nationalmannschaft zur Heim-EM berufen. In der folgenden Saison konnte Reitz zwar aufgrund von Verletzungsproblemen nur 27 Spiele absolvieren (2 Tore und 1 Vorlage in der Bundesliga), bewies sich aber am Saisonende mit der deutschen U21 bei der U21-EM. Bei diesem Turnier wurde der Leipziger Neuzugang neben Nick Woltemade zu einem der Schlüsselspieler und zeigte, welches Potenzial noch in ihm steckt. 



In der abgelaufenen Bundesligasaison konnte Reitz, der in Stellvertretung von Tim Kleindienst die Gladbacher regelmäßig als Kapitän aufs Feld führte, dann aber nicht an diese Leistungen anknüpfen und spielte eine über weite Teile durchwachsene Saison. Was die Verantwortlichen um Marcel Schäfer dennoch davon überzeugte, dass Rocco Reitz der passende Ersatz für Xaver Schlager ist, wird im folgenden Abschnitt beleuchtet.


Zuhause zwischen den Strafräumen

Ganz grundsätzlich lässt sich zu Rocco Reitz sagen, dass er ein Box-to-Box-Spieler ist, der bei Gladbach hauptsächlich über die rechte Angriffsseite agiert hat und in einem Zwei- oder Dreiermittelfeld neben einem defensiv ausgerichteten Zentrumsspieler (Engelhardt oder Sander) gespielt hat.

Die größte Stärke von Reitz ist die Arbeit gegen den Ball. Hier bringt er Qualitäten mit, die fast jedem Verein gut zu Gesicht stehen. Diese zeichnen sich einerseits durch seine Intensität aus, mit der er über den gesamten Platz hinweg Zweikämpfe führt (Platz 14 bei den geführten Zweikämpfen in der Bundesliga und Top 10 % bei den defensiven Aktionen unter den zentralen Mittelfeldspielern der Bundesliga) und Bälle erobert, und andererseits durch eine extreme Laufbereitschaft, mit der er immer wieder entstehende Lücken schließt oder Passwege unterbindet. Bei nahezu allen Statistiken, die den läuferischen Input erfassen, gehört Reitz zu den Top 20 der Bundesliga.



Mit dem Ball ist die größte Stärke von Reitz seine Progressivität. Vor allem nach Ballgewinnen leitet Reitz mit vertikalen Läufen oder Pässen das Umschaltspiel ein, ohne zu lange zu zögern. Eine Spielweise, die zur von Red Bull vorgegebenen Spielphilosophie natürlich mehr als ideal passt. Eine weitere Stärke sind die linienbrechenden Pässe. Hier schafft es Reitz überdurchschnittlich oft, mit Pässen die Abwehr auszuhebeln. Dies bestätigt sich auch in den Statistiken, wo Reitz bei den smarten Pässen zu den Top 10% der zentralen Mittelfeldspieler der Bundesliga gehört.

Zu den Schwächen gehört bei Reitz ziemlich klar die Präzision bei den Pässen, die natürlich unter der riskanten Spielweise leidet, aber wo die Qualität einfach steigen muss und die Passquoten sich aus dem unterdurchschnittlichen Bereich Richtung Mittelmaß bewegen müssen. Ansonsten könnte es sein, dass Gegner dies schnell realisieren, Reitz als Schwachstelle im Spielaufbau erkennen und ihn gezielt unter Druck setzen, was den gesamten Spielaufbau der Leipziger lähmen und den Trainer zum Handeln zwingen könnte.

Eine weitere Problemstelle, die für einen Spieler in Reitz’ Rolle nicht der komplett ausschlaggebende Punkt ist, aber sich vor allem in dieser Saison zeigte, ist die mangelnde Torgefahr. Hier kann Reitz in einer insgesamt offensiver ausgerichteten Mannschaft hoffentlich wieder zeigen, was er in den zwei vorherigen Saisons unter Beweis gestellt hat. In diesen Saisons stach vor allem sein gutes Einlaufverhalten in den Strafraum hervor, wodurch er sich immer wieder in aussichtsreiche Positionen brachte und sowohl mit rechts, mit links als auch per Kopf zum Torerfolg kam.



Neben den Qualitäten mit dem Ball und gegen den Ball bringt Reitz auch gewisse Stärken mit, die nicht typisch für einen Leipziger Neuzugang sind. Diese umfassen einerseits die Erfahrung in der Liga, die Reitz mit 95 Spielen mitbringt, und die eine Adaptionszeit an das Niveau der Liga überflüssig macht und andererseits seine Leaderqualität auf und neben dem Platz. Was insbesondere nach dem Abgang von Xaver Schlager essenziell ist, um der Mannschaft abseits des Platzes Orientierung zu geben und in schwierigen Spielen, etwa nach einem Champions-League-Abend, den nötigen Antrieb zu liefern.


Ansätze für Skepsis

Wie bei wahrscheinlich jedem Transfer gibt es natürlich auch bei Rocco Reitz Fragezeichen. Das erste Fragezeichen ist für mich die sportliche Entwicklung, die in der vergangenen Saison in die falsche Richtung ging. Dies lässt sich statistisch unter anderem gut am Total VAEP Wert ablesen (hierbei wird jede Aktion am Ball anhand ihres Einflusses auf die Wahrscheinlichkeit bewertet, dass das eigene Team in naher Zukunft ein Tor erzielt oder ein Gegentor kassiert). Dieser Wert hat sich in dieser Saison merklich nach unten korrigiert. Für diese Entwicklung lassen sich natürlich verschiedene Erklärungsansätze finden, wie z.B. mentale Belastung, physische Faktoren, taktische Probleme, spielerische Limitationen oder private Umstände. Was den Leistungsabfall bei Reitz verursacht hat, lässt sich natürlich nur spekulieren. Die physischen Faktoren dürften nach den oben gewonnenen Erkenntnissen jedoch kaum der Grund gewesen sein. Vielmehr liegt die Vermutung nahe, dass Druck und taktische Vorgaben Reitz limitiert haben. Dafür spricht zumindest seine Entwicklung gegen Saisonende, wo er nach der offiziellen Bekanntgabe des Wechsels spürbar aufblühte und deutlich stärkere Leistungen zeigte.



Das zweite Fragezeichen sind für mich die Verletzungsthematiken, die bei Reitz natürlich nicht so extrem sind wie bei Xaver, wo jedoch trotzdem im Blick behalten werden muss, wie die Belastung gesteuert und mögliche lange Ausfälle vermieden werden können. Eine Problemstelle, die Reitz hier auch schon seit der Jugend mitträgt, ist das Schambein.


Blick in die Zukunft 

Die Rolle, die Reitz in der nächsten Saison übernehmen soll, ist ziemlich klar: Er soll die Lücke schließen, die durch den Abgang von Xaver Schlager entsteht, und das nicht nur rein auf das Spielerische bezogen, sondern auch auf die Führungsrolle, die Xaver in der Mannschaft innehatte.

Idealerweise gelingt dieses Vorhaben und man erhält einen Spieler, der vielleicht nicht wie Ouédraogo oder Gruda diese vielen besonderen Momente im Spielaufbau liefert, der aber extrem wertvoll für das Gerüst einer Mannschaft ist, die regelmäßig Champions League spielt, und Spielern, die aus allen möglichen Ländern nach Leipzig kommen, ähnlich wie es Kampl, Forsberg oder eben auch Xaver gemacht haben, Halt gibt. 




Dafür müssen natürlich verschiedene Faktoren eintreten, u.a. eine sportliche Entwicklung von Reitz durch das gestiegene Niveau, die nötige Geduld der Verantwortlichen, auch einem erfahrenen Profi die Zeit zu geben, sich auf Top-Niveau zu entwickeln, und die „richtige” taktische Einbindung von Reitz. Beim letzten Punkt zähle ich aber nicht nur den Trainer dazu, sondern auch Marcel Schäfer, der einen Kader zusammenstellen muss, in dem Reitz seine ideale Rolle ausleben kann. Ob dies gelingt, wird man sehen, denn wie bei jedem Transfer ist so eine Prognose nur ein Blick in eine Glaskugel mit mal mehr und mal weniger Nebel.

gNiklas

Quellen: Best11scouting, Bundesliga.de, Scout Lab, Sofascore, Transfermarkt.de