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Mysterium Trainings- und Nachwuchszentrum am Cottaweg - Eine Chronik

Die Leipziger sind im Großen und Ganzen ein ruhiges und friedfertiges Völkchen, die nur schwer aus der Ruhe zu bringen sind. Wer es dennoch schafft, der muss die Leipziger schon auf außergewöhnliche Art und Weise piesacken, um sie richtig zu verärgern und gegen sich aufzubringen. RB Leipzig hat dies durch das geplante Trainings- und Nachwuchszentrum am Cottaweg mit großer Bravour geschafft – stolz darauf muss man allerdings nicht sein. Das Projekt an der Kleinmesse ist ein besonderes Thema, welches polarisiert, Ängste und Hoffnung schürt sowie monatelang durch die Presse gejagt wurde. Die verzwickte Situation hatten sich die Verantwortlichen größtenteils durch ihre „Auster-Taktik“ selber zuzuschreiben. RB hat durch seine nicht vorhandene Öffentlichkeitsarbeit viel Porzellan bei den Leipzigern zerschlagen und das Vertrauen der Bevölkerung in den Investor beschädigt.

Das Theater um das 30-Millionen-Projekt begann im November 2009, nahm im September 2010 richtig Fahrt auf, drehte vor und nach Weihnachten ein paar Loopings und kam am 08. März 2011 irgendwie sicher im Ziel an. Die einzelnen Etappen sind im Folgenden durch Zeitungsartikel und Äußerungen verschiedener Verbände chronologisch dargestellt und sollen dazu dienen, die Ereignisse um das Trainingsgelände noch einmal Revue passieren zu lassen.

27. November 2009: RB Leipzig hat Interesse am Gontardweg in der Nähe der Sportschule Egidius-Braun. Der dort ansässige Leipziger Fußballcub (LFC), der zum Leistungszentrum für Mädchen- und Frauenfußball des sächsischen Fußballverbandes gehört, ist in Zahlungsschwierigkeiten geraten und prüft eine Fusion mit Lok Leipzig.

27. August 2010: RB-Geschäftsführer Dieter Gudel lässt mitteilen, dass in den nächsten vier Jahren sechs Flutlichtplätze, ein Gebäudekomplex mit Internat, Sozialtrakt, Physiotherapie, Küche und Büroräumen für eine weitere Geschäftsstelle entstehen sollen. Die Verhandlungen mit der Stadt über einen Standort laufen.

31. August 2010: Der Gontardweg kommt für das Projekt nicht mehr in Frage. Erstmals wird der Cottaweg als Alternative genannt, der schon für die Olympia-Bewerbung 2012 umgebaut werden sollte.

01. September 2010: Die Entscheidung zugunsten des Cottaweges ist laut LVZ gefallen.

06. September 2010: RB-Vorstandsvorsitzender Dietmar Beiersdorfer gibt sich in einem Interview zum Thema Cottaweg bedeckt, verweist auf laufende Gespräche mit der Stadt. Ziel sei es aber, dass die Saisonvorbereitung 2011/2012 bereits auf dem neuen Gelände stattfinden kann.

07. September 2010: Die Bebauung des Cottaweges birgt Hindernisse: Problem 1: Für das Gelände müssten Bäume gefällt werden, die unter Naturschutz stehen. Problem 2: Die ortsansässigen Vereine müssten weichen. Der BSV Schönau lehnt einen Umzug ab, sei aber auch noch nicht von offizieller Seite kontaktiert wurden. Der Pachtvertrag des BSV mit der Stadt läuft noch bis 2026. Der Motorradsportklub würde sein Gelände räumen und RB zur Verfügung stellen.

10. September 2010: Die Stadt Leipzig möchte RB am Cottaweg haben, der BSV Schönau ist weiterhin skeptisch.

13. September 2010: Der Ökolöwe, ein Leipziger Umweltverband, ist von der Abholzung wenig angetan und kritisiert, dass ökonomische Interessen den ökologischen vorgezogen werden.

21. September 2010: Der Ökolöwe und RB-Geschäftsführer Dieter Gudel äußern sich öffentlich zum geplanten Projekt am Cottaweg.

22. Oktober 2010: Landvermesser sind bereits am Cottaweg unterwegs. Der Leipziger Bund für Umwelt- und Naturschutz weist auf den Naturschutz hin und kritisiert das Vorhaben. Die Baugenehmigung für Ausbaustufe 1 steht bevor, der BSV Schönau wird zum Gespräch gebeten.

29. Oktober 2010: Der BSV Schönau soll zur SV Eintracht Leipzig Süd umziehen, dies ergab ein Gespräch mit dem Leipziger Sportamt und der Führungsetage von RB Leipzig.

02. November 2010: Umweltbürgermeister Heiko Rosenthal gibt bekannt, dass RB für abgeholzte Bäume Ausgleichsflächen schaffen wird. Das Auenwald-System werde keine erheblichen Auswirkungen erfahren. Der Leipziger Naturschutzbund (Nabu) will sich mit allen verfügbaren Mitteln gegen die Pläne von RB wehren, weil ohne Bekanntgabe von Details Tatsachen geschaffen werden.

11. November 2010: Die Geheimhaltung der Pläne sorgt für weiteren Zündstoff, nun auch in den Stadtratsfraktionen (Salamitaktik, Forderung nach mehr Transparenz). Heiko Rosenthal sieht kein Kommunikationsproblem, RB gibt weiterhin die Auster.

20. November 2010: Der Bau des Trainingszentrums schlägt nun auch außerhalb von Leipzig hohe Wellen, dort ist von einem sportpolitischen Skandal die Rede.

22. November 2010: Die Fraktion der Grünen fordert eine Umweltverträglichkeitsprüfung, ohne die eine Baugenehmigung nicht möglich sei. Die Stadtverwaltung, die den Bauantrag für den ersten Abschnitt bearbeitet, sieht das bisher nicht vor.

01. Dezember 2010: Der Naturschutzbund lehnt das Projekt weiterhin vehement ab und fordert ebenfalls eine Umweltverträglichkeitsprüfung.

02. Dezember 2010: Der Stadt wird vorgeworfen, sich dem Projekt RB Leipzig unterzuordnen. Es hagelt weiterhin viel Kritik an der intransparenten Verfahrens- und Durchsetzungsweise.

07. Dezember 2010: Das Trainingsgelände des FC Chelsea London soll als Vorbild für das Leipziger dienen. Nach wie vor geben weder Stadt noch RB Details zum Projekt bekannt.

11. Dezember 2010: RB Leipzig stellt mit der Ratsvorlage erste Details zum Trainingsgelände der Öffentlichkeit vor. Es gibt Befürchtungen von Anwohnern, dass die Verkehrsanbindung zum Trainingsgelände verbessert und ausgebaut werden soll. Außerdem geht aus dem Papier hervor, dass RB Stellflächen und Parkplätze für Kleinmesse, Volksfeste und andere Veranstaltungen für sich beansprucht. Eine Lösung für die Schausteller ist bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gefunden, Heiko Rosenthal versicht aber, dass keine Kosten auf die Stadt zukommen werden. Matthias Klotz, Referent von Rosenthal, ist sich sicher, dass noch in diesem Jahr eine öffentliche Präsentation des Projekts stattfinden wird um weitere Ungereimtheiten zu beseitigen.

15. Dezember 2010: Der Nabu fordert vor der Ratsversammlung die Stadtratsfraktionen in einem offenen Brief auf, sich nicht vom Investor erpressen zu lassen und erst zuzustimmen, wenn die ganze Dimension des Projekts bekannt ist. Der Umweltverband lehnt das Trainingszentrum auf Kosten des Auwalds hab.

15. Dezember 2010: Der Stadtrat stimmt mit großer Mehrheit dem Aufstellungsbeschluss zu. Damit wird das Stadtplanungsamt beauftragt, einen Bebauungsplan zu erstellen und die Fläche am Cottaweg planungsrechtlich neu zu ordnen. Oberbürgermeister Burkhard Jung kündigt eine bessere Kommunikation an.

16. Dezember 2010: RB-Fans.de („Das Nachwuchsleistungszentrum - viel Lärm um (bislang) wenig“) und rotebrauseblogger („Kommunikative Bauprobleme“) veröffentlichen fast zeitgleich erstmals ihre Standpunkte zum Thema Trainingsgelände.

21. Dezember 2010: Dietmar Beiersdorfer kündigt sofortigen Baubeginn an, sobald alle Genehmigungen vorliegen.

06. Januar 2011: Dieter Gudel will für das Projekt lokale Unternehmen ins Boot holen und rechnet im März mit dem Baustart.

07. Januar 2011: RB Leipzig stellt erstmals sein 30-Millionen-Projekt zusammen mit der Stadt Leipzig der Öffentlichkeit vor. Auf einer Gesamtfläche von circa 92.000 Quadratmeter soll bis 2013 ein neues Trainings- und Nachwuchszentrum entstehen. Zu Beginn der neuen Saison soll der erste Bauabschnitt bereits fertig sein (vier Großfeldplätze). Ab 2012 beginnt der zweite Bauabschnitt (zwei Spielfelder, Trainingsgebäude, Jugendinternat, Betriebsgebäude, kleine Tribüne für 1000 Zuschauer, Anlage für spezielles Torwarttraining, 80-Meter-Tartan-Strecke, Trainingshügel), dem zuvor eine Umweltverträglichkeitsprüfung vorausgeht. Fällt diese negativ aus, müsste sich RB nach einem neuen Standort für das Projekt umschauen. Oberbürgermeister Burkhard Jung spricht indes von einem Geschenk an die Stadt und rechnet mit 4000-6000 neuen Arbeitsplätzen, sollte es RB Leipzig bis zur 1. Bundesliga schaffen. Nach Angaben von Dietmar Beiersdorfer hat man sich mit dem BSV Schönau auf eine teilweise Abtretung geeinigt. Eine Erweiterung des Anfahrtsweges zum Gelände sei nicht notwendig. Der Stadtrat soll am 09. Februar oder 2. März über den ersten Bauabschnitt abstimmen.

17. Januar 2011: Der Nabu betont, dass man nicht grundsätzlich gegen das Projekt von RB Leipzig sei, aber sie sich einen anderen Standort suchen sollen.

28. Januar 2011: Drei Leipziger Umweltverbände übergeben Oberbürgermeister Burkhard Jung einen offenen Brief, der einen Forderungskatalog beinhaltet um „den Planungsprozess kritisch begleiten und damit die Belange des Naturschutzes durchsetzen.“

28. Januar 2011: RB Leipzig setzt seine Ankündigung, regionale Firmen am Bau des Trainingszentrums zu beteiligen, in die Tat um und veröffentlicht die Ausschreibungen im Sächsischen Ausschreibungsblatt.

03. Februar 2011: Die Umweltverbände gehen ein Schritt auf RB Leipzig zu und geben ihre Zustimmung zum Projekt, wenn es definitiv keine Erweiterung der bisherigen Pläne gibt.

07. Februar 2011: Eine Beschlussvorlage wird den Stadträten vorgelegt. Nun ist plötzlich nur noch von 87.680 Quadratmeter Bebauungsfläche die Rede, von denen 60.000 vom Leipziger Marktamt genutzt werden. Die Stadt Leipzig hatte erst vor zwei Jahren 1,3 Millionen Euro für die Modernisierung bestimmter Flächen vor Ort ausgegeben, die nun wieder zurückgebaut werden müssten. Auf die Stadt kommen nun also doch Kosten in Höhe von ca. 350.000 Euro zu, die u.a. zur Errichtung neuer Parkplätze für die Kleinmesse verwendet werden. Zusätzliche Kosten könnten für die Beseitigungen von gefährlichem Abfall entstehen, welcher nach einem Gutachten auf dem Gelände abgelagert ist, wie die ‚Bild’ berichtet.

28. Februar 2011: Fällt die Umweltverträglichkeitsprüfung negativ aus, wird die Stadt wieder Zugriff auf das Gelände bekommen. RB schließt eine Expansion des Trainingsgeländes aus. Damit erfüllt RB wesentliche Forderungen der Umweltschützer.

02. März 2011: Der Stadtrat stimmt mit großer Mehrheit dem Bau des Trainingsgeländes und des Erbbaupachtvertrags zu.

08. März 2011: Der Erbbaupachtvertrag (Dauer 50 Jahre) zwischen der Stadt Leipzig und RB Leipzig wird von Oberbürgermeister Burkhard Jung und dem Vorstandsvorsitzenden Dietmar Beiersdorfer unterzeichnet.

Wer mit dem Begriff des Aufstellungsbeschlusses und anderen Vorgängen des Beamtentums nichts anfangen kann, dem sei diese Seite empfohlen, die zumindest im Groben die einzelnen Schritte der Leipziger Stadtplanung erläutert. Lesenswert ist auch der Thread im Architektuforum, der sich fachspezifisch mit dem Thema auseinandersetzt. Für alle Auenwaldbeschützer und Gegner dieses Projekts können hier noch einmal die Stellungnahmen des Nabus und deren Fazit bzw. Prognose nachgelesen werden. Die einzelnen grafischen Pläne sind bei LVZ-Online zu sehen. Natürlich kann sich auch bei uns im Forum weiterhin zu diesem Thema geäußert werden (Eigenwerbung muss auch sein) - der entsprechende Thread hat bereits über 110 Seiten. Die Baufortschritte könnt ihr demnächst via Livecam auf der offiziellen Seite von RB Leipzig verfolgen, laut Augenzeugenberichten stehen Bagger und andere Baufahrzeuge schon am Cottaweg bereit. Es wird also nicht mehr lange dauern...

Rojiblanco