Header Image

RB Leipzig gewinnt Pokalfight in Auerbach, verliert aber Kapitän und Trainer

Das hart umkämpfte Spiel gegen Auerbach in Unterzahl 2:1 gewonnen, den Einzug ins Halbfinale des Wernesgrüner Landespokals geschafft und im nächsten Monat den Drittligisten Dynamo Dresden zu Gast in der heimischen Red Bull Arena. Also jene Mannschaft, die gerade noch um den Aufstieg in die 2. Bundesliga spielt und für ihre reisefreudigen Fans bekannt ist. Das Spiel wird an einem Mittwochabend stattfinden, entweder am 11. oder 18. Mai, unter Flutlicht also, vermutlich beobachtet von mehr als 10.000 Fußballfans – Fußballherz, was willst du mehr? Gestern Abend erhielt die Vorfreude auf den Pokalknaller allerdings einen Dämpfer, als Tomas Oral seinen Abschied zum Saisonende bekannt gab.

Der Spielverlauf
Die Mannschaft wurde gegenüber der letzten Partie auf zwei Positionen verändert, Ingo Hertzsch musste dabei den gesperrten Fabian Franke ersetzen und Tim Sebastian kehrte für Tom Geißler in die Stammelf zurück. Ansonsten lief die selbe Elf wie gegen Plauen auf.
Auerbach begann mit starkem Pressing und kam gleich nach fünf Minuten zu ersten Torchance. Neuhaus verspekulierte sich bei einem Rückpass, verlor den anschließenden Pressschlag mit Petrovics und hatte Glück, dass dieser, anstatt aufs Tor zu schießen, den Ball noch einmal quer legte und keiner seiner Mitspieler die Kugel erreichen konnte. Die Gastgeber ließen RB in den Anfangsminuten kaum Luft zum Atmen, unserer Abwehr wurde frühzeitig von den laufstarken Stürmern unter Druck gesetzt und zu Fehlern gezwungen. Wenn der Ball ins Mittelfeld kam, standen die Vogtländern unseren Spielern schon auf den Füßen und gewannen einen Zweikampf nach dem Anderen. Umso überraschender – oder auch nicht – kam die Führung durch eine Standartsituation in der 14. Minute. Rockenbach da Silva zirkelte einen Freistoß scharf ich den Strafraum wo ausgerechnet Ingo Hertzsch – nicht unbedingt als Kopfballungeheuer bekannt – zum 1:0 einköpfte. Wieso VfB-Trainer Steffen Dünger nach dem Spiel davon sprach, dass man die Standartsituationen bei RB immer erfolgreich unter Kontrolle hatte, bleibt sein kleines Geheimnis. Paul Schinke hatte nur drei Minuten später die Chance zu erhöhen, scheiterte aber am stark reagierenden VfB-Torhüter Berger. Fast im Gegenzug durchbrachen die flinken Angreifer der Gastgeber unserer rechte Abwehrseite, scheiterten aber wiederholt am Querpass und am mangelnden Egoismus der Stürmer. Bis zur 28. Minute neutralisierten sich beide Teams im Mittelfeld, RB übernahm inzwischen die Spielkontrolle und war optisch überlegen ohne zwingend torgefährlich zu werden. Gerade als man dachte, dass sich unsere Defensive nach den anfänglichen Schwierigkeiten stabilisiert hatte, stand plötzlich Pfoh allein vor Neuhaus, spielte keinen Querpass, zirkelte den Ball an Neuhaus geschickt vorbei und traf unglücklicherweise nur den Pfosten. Nach 35 Minuten dann ein harmloses Foul an Sebastian im Mittelfeld, doch der RB-Kapitän streckte während des Fallens absichtlich das Bein in die Luft und traf Kramer mit dieser Kong-Fu-Einlage genau im Magen. Schiedsrichter Taugerbeck blieb nach Rücksprache mit seinen Assistenten keine andere Wahl, als unseren Kapitän mit Rot vom Platz zu schicken. Zwei Minuten später folgte der nächsten Nackenschlag für unserer Mannschaft, die sich nun völlig eingeschüchtert und hilflos präsentierte. Neuhaus streckte sich nach einem Kopfball im Strafraum vergeblich, der Ball knallte an die Latte und von dort köpfte der freistehende Schuster zum verdienten Ausgleich. Auerbach zeigte bis zur Halbzeit weitere gute Angriffe, die aber in ihrer letzten Konsequenz nicht gut ausgeführt wurden. Bei RB spürte man zu diesem Zeitpunkt, dass sie nun unbedingt die Halbzeit brauchten um sich neu zu sortieren.

Direkt nach dem Seitenwechsel tauchte erneut der stark agierende Pfoh vor Neuhaus auf, der aber mit einem glänzenden Reflex den Ball noch mit dem Fuß abwehren und den Rückstand verhindern konnte. Die zweite Halbzeit konnte von der Vielzahl an Ereignissen nicht an die erste Halbzeit anknüpfen, war aber kämpferisch und läuferisch von beiden Seiten auf ganz hohem Niveau. Unsere Elf spielte in Unterzahl – wie bereits gegen Havelse – nun deutlich konzentrierter und ruhiger, fand aber gegen die die lauffreudigen Auerbacher kein Rezept. Das Spiel pendelte hin und her, spielte sich oft zwischen den Strafräumen mit vielen Zweikämpfen und Fouls ab – eben ein richtiger Pokalfight. 20 Minuten vor Spielbeginn die Erlösung für alle RB-Fans: Rockenbach und der eingewechselte Kammlott spielten auf der linken Seite Katz und Maus mit der VfB-Defensive, sahen den hinter ihnen freistehenden Müller, der mustergültig wie in alten Zeiten in den Strafraum flankte und mit Kutschke einen dankbaren Abnehmer fand – 2:1! Auerbach kam im Anschluss nur noch selten vor den Kasten vor Neuhaus, RB stand defensiv gut geordnet und ließen die Angreifer der Vogtländer nicht mehr in den Strafraum kommen. Zwei Minuten vor Ende wäre den Gastgeber aber fast noch der ultimative Clou gelungen, als Schuch den Ball aus 20 Metern via Freistoß an die Latte setzte. Glücklicherweise war dies der letzte Schreckensmoment im Spiel, kurze Zeit später pfiff der vor allem in Hälfte eins überforderte Schiedsrichter die Partie ab.
RB zieht also mit etwas Glück ins Halbfinale ein, konnte sich aber auf beeindruckender Weise dem Vorwurf entziehen, dass die „Millionen-Truppe“ nicht jeden Grashalm umpflügen kann.

Die Fans
Kurz vor Spielbeginn wirkte der RB-Block fast wie ausgestorben, nur etwa 30 Anhänger saßen auf der Betontribüne und aßen gemütlich überwiegend ihre Bratwurst. Im weiten Rund von Auerbach lachte man die gegnerischen Fans aufgrund ihrer starken Dezimierung schon aus, wunderten sich aber gehörig, als unmittelbar beim Anpfiff plötzlich die restlichen Anhänger erschienen und somit insgesamt rund 150 Fans vor Ort waren. Grundtenor nun: „Wo kommen die denn alle her?“ Unsere Fanabteilung lieferte wie schon gegen Plauen eine ganz starke Leistung ab, unterstütze die Mannschaft über 90 Minuten und fiel nur durch ganz wenige sinnfreie Textpassagen auf („Warum seid ihr *** so leise?“). Die Auerbacher Fans waren ein Geschichte für sich, die ich gerne in zwei Gruppierungen aufteilen möchte. Die erste waren die Fußballinteressierten, die sich einfach auf ein schönes Viertelfinalspiel freuten, ihrer Mannschaft natürlich die Daumen drückten und gelegentlich Anfeuerungsrufe von sich gaben – alles in allem nett und harmlos. Die zweite Gruppierungen nenne ich die Hardcore-Fans, meist über 50 Jahre alt. Also diejenige Fraktion, die sowieso immer alles besser weiß und jeden bepöbelt, der nicht ihrer Meinung ist. Traf in aller Regel den Schiedsrichter und wurde aber aufgrund des RB-Hasses, der ganz stark ausgeprägt war, extrem ausgeweitet – Spieler, Trainerstab, Fanradio und Liveticker wurden aufs übelste beschimpft und mehrfach mit Gewalt gedroht. Vor allem in Hälfte eins schien es, als ob sich der Schiedsrichter und auch unsere Spieler von der hitzigen Atmosphäre auf der Haupttribüne hatten anstecken lassen. Wohl dem, der wie Ali Cakici gestern Geburtstag hatte (nachträglich alles Gute!), als ehemaliger Kampfsportler sowieso vor nichts und niemanden Angst hat und die Ruhe in Person ist. Ganz im Gegensatz zu Tomas Oral, der vor allem in Hälfte eins Glück hatte, nicht auf die Tribüne geschickt worden zu sein. Der Trainer rannte wie von einer Tarantel gestochen nach dem Platzverweis von Sebastian auf das Schiedsrichtergespann zu, geigte denen ordentlich die Meinung und konnte nur mit Mühe zurückgehalten werden.

Der Trainer
Zu diesem Zeitpunkt ahnte aber noch niemand, dass Tomas Oral ausgerechnet an diesem so erfolgreichen Tag seinen Abschied verkündete. Zwar stand der Abschied laut Medienberichten sowieso schon seit Wochen fest, trotzdem kam die Verkündung gestern unerwartet und überraschend.
Die Pressekonferenz fand nach dem Spiel zunächst ohne Oral statt, weil der RB-Trainer schon 30 Minuten auf sich warten ließ – offizielle Begründung: Er muss mit der Mannschaft etwas besprechen. Spielauswertung sofort nach Abpfiff? War er unzufrieden und wollte den Spielern die Meinung geigen?? Feiern die da unten erstmal ausgiebig mit Sekt und Champagner? Teilt er der Mannschaft etwa mit, dass er zum Saisonende…Nein, undenkbar, nicht nach diesem Pokalspiel.
Die Pressekonferenz war schon eine Weile vorbei, da tauchte Oral im Schlepptau mit Pressesprecher Bach auf, bat die Anwesenden noch einmal in die VIP-Lounge zu kommen. Mit leicht gebrochener Stimme analysierte Oral zu erst das Spiel, war in keiner Jubellaune, schaute die Anwesenden kaum an, sah oft auf den Boden, rang nach Worten – untypisch für Oral. Er habe in den letzten Tagen zusammen mit Sportdirektor Linke die Saison Revue passieren lassen, sie analysiert und sei zu dem Schluss gekommen, dass es für beide Seiten besser wäre, sich am Saisonende zu trennen. Stille im Saal. Oral redet davon, dass er dankbar für diese Jahr war, es ihm viel gelehrt hat, er stolz auf die Mannschaft ist, weil sie auch heute wieder als Einheit aufgetreten ist und viele Spieler wie Franke und Kutschke einen enormen Schritt nach vorne gemacht haben. Es gibt Applaus für diese kleine Rede, selbst von den Auerbacher Anhängern. Oral verschwindet danach sofort, hat den berühmten Tunnelblick, schaut bei seinem Abgang nicht nach rechts und nicht nach links. Kurz vor unserer Abfahrt treffen wir ihn noch einmal, er steht ein paar Meter vom Mannschaftsbus entfernt, tief im dunkeln und ganz alleine. Im Hintergrund läuft sich seine Mannschaft gerade aus, ein paar Auerbacher fühlen sich von einem RB-Spieler provoziert, weil er ihnen angeblich den Stinkefinger gezeigt hat. Der Beschuldigte grinst und verschwindet wortlos in der Kabine.

Daten zum Spiel
VfB Auerbach: Berger - Otte, Vogel, Kramer, Schuster, Petrovics (90. Kötzsch), Schuch, Düring (81. Persigehl), Pfoh, Sommermeyer, Wemme
RB LEipzig: Neuhaus - Albert, Kläsener, Hertzsch, Müller - Sebastian, Laas (63. Rosin) - Schinke (63. Kammlott), Frahn, Rockenbach - Kutschke (78. Frommer)
Tore: 0:1 Hertzsch (14.), 1:1 Schuster (37.), 1:2 Kutschke (71.)
Schiedsrichter: Lukas Taugerbeck (Dresden)
Zuschauer: 850
Gelbe Karten: Kramer - Frahn, Kläsener
Rote Karten: Sebastian


Rojiblanco